Das BW Braunschweig

Von Marc Lewandowski

Das Bahnbetriebswerk Braunschweig
Luftaufnahme vom November 2003

Oben sehen Sie im Hintergrund den Braunschweiger Hauptbahnhof und in Bildmitte das am 01.10.1960 eröffnete neue Bw unserer Stadt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Braunschweig zwei Bahnbetriebswerke. Das Bw Braunschweig Hauptbahnhof (Bw Brg Hbf seit 1838) und das Bw Braunschweig Verschiebebahnhof (Bw Brg Vbf seit Anfang 1940). Das Bw Hbf befand sich am alten Hauptbahnhof im Bereich der heutigenTheodor-Heuss-Straße und wurde am 30.09.1960 nach 122 Jahren aufgelöst. Das neue Bahnbetriebswerk wurde das Bw Brg Vbf, das seit diesem Tage die Bezeichnung “Bw Braunschweig 1” führt.

Die Planung und der Bau des Bw Braunschweig Vbf

Die im Salzgitterraum vorgefundenen reichhaltigen Erzvorkommen gaben den Anstoß zur Einrichtung eines Industriezentrums. Um dieses erschließen zu können, benötigte man die Reichsbahn und damit ein großes Bahnbetriebswerk. Im Raum des Verschiebebahnhofes Braunschweig sollte das geplante Bw für eine Kapazität von 180 Dampflokomotiven entstehen. Da zum Planungszeitpunkt noch nicht abzusehen war, dass der Bereich Braunschweig je elektrifiziert oder verdieselt wurde, wehrte sich die Stadt Braunschweig gegen diese Planung wegen der zu erwartenden Luftverunreinigung durch die große Anzahl an Dampflokomotiven. Deshalb wurde ein Bw für die feuerlose Dampflokabstellung geplant. Es war angedacht, dass die Lokomotiven, die längere Zeit im Bw weilten, ohne Ruhefeuer abgestellt werden sollten. Alle beim Ausräumen anfallenden und noch brennbaren Bestandteile sollten in einem Heizkraftwerk (HKW) und in einer Gasanstalt zur Dampf- und Gasherstellung verwendet werden. Außerden sollten die kalt abgestellten Lokomotiven kurz vor ihrem erneuten Einsatz mit dem Dampf aus dem HKW gefüllt werden. Mit dem Gas sollte das vorbereitete kalte Kohlebett in den Lokomotiven gezündet und sofort in Brand gesetzt werden.

Trotz der wenigen Lokomotiven ist eine deutlich Dunstglocke über dem Bw zu erkennen. Diese Aufnahme stammt von 1968.

Diese Idee wurden auch von der Stadt Braunschweig für gut befunden. Der Bau begann bereits im ersten Kriegsjahr 1940 auf der Grundlage zurückgestellter Pläne, die einst für das Bw Berlin-Großbeeren entworfen worden waren. Schon 1941 sollte das Bw dem Betrieb übergeben weden. Die Kriegseinwirkungen verzögerten jedoch alle Arbeiten. Erst 1943 war das erste Gebäude, der Wasserturm, fertiggestellt.
(Der Wasserturm ist das in der Luftaufnahme mit der Nummer 2 gekennzeichnete Gebäude).

Das Heizkraftwerk befand sich im Rohbau. Erst zwei der drei Kesselanlagen waren eingebaut. Anfang 1945 waren die Arbeiten soweit vorangeschritten, dass man von einem Teilabschluss sprechen konnte. Die Teilanlage wurden zu diesem Zeitpunkt dem Betrieb übergeben. Doch die direkten und indirekten Kriegseinwirkungen verzögerten alle Arbeiten im hohen Maße. Besonders die schlechte Versorgung mit Baustoffen bereitete große Probleme. Aber auch zahlreiche Bombenabwürfe auf die Baustelle trugen zur Verzögerung bei. Auf dem rechten Bild kann man die Bombentrichter gut erkennen. Nummer 1 ist die Lokhalle eins. Über der Lokhalle ist das Gleisfeld des ehemaligen Ostbahnhofes, des heutigen Braunschweiger Hauptbahnhofes, zu erkennen. Nummer 2 ist der 36 m hohe und 1000 m³ fassende Wasserturm. Nummer 3 ist der Rohbau des Kesselhauses. Erst nach Kriegsende ging es langsam voran, obwohl immer noch das größte Problem die Baustoffversorgung war. Man bemühte sich erst einmal, die noch vorhandenen Dinge einzubauen und vor allem die Schäden, die durch Bombenabwürfe auf die Baustelle entstanden waren, zu beseitigen. Aus einem Bericht vom 27.09.1947 geht hervor, dass der größte Teil der Kriegsschäden, insbesondere an den so wichtigen Wasserleitungen des Wasserturmes, erst zu diesem Zeitpunkt beseitigt waren.

.Der gesamte Bereich ist im Zuge der Gleisumgestaltung für den Neubau des Hauptbahnhofes stark verändert wurden.
Foto: Alliierte Luftaufklärung 1944

In den ersten Nachkriegsjahren hatte das noch lange nicht fertiggestellte Bw Brg Vbf eine Sonderaufgabe durchzuführen. Es handelte sich hierbei um den von der englischen Militärregierung angeortneten “Berlin-Verkehr”. Unter den damaligen Verhältnissen benötigten die Personale für eine Berlinfahrt, die normalerweise 5-10 Stunden dauerte, 8-14 Tage! Das Bw brauchte enorme Personal- und Material- verstärkung. Aus allen Teilen der englischen Besatzungszone wurden sie im Bw Brg Vbf für den Berlinverkehr eingesetzt. Gefahren wurde ausschließlich mit Lokomotiven der Baureihe 50. Es wurden weitaus mehr Lokomotiven benötigt, als vorhanden waren. Der Verschleiß war enorm, es ist nicht selten vorgekommen, dass Lokomotiven mit 5 heißen Achsen nach Braunschweig zurückkehrten. Mit der durch die Währungsreform ausgelösten Berlin-Blockade endeten diese Zustände schlagartig und das Bw Brg Vbf hatte seine Feuertaufe hinter sich.

Mit Ruhefeuer abgestellte Güterzug-Dampfloks vor dem Heizkraftwerk, das ursprünglich den gesamten Bahnhof, das Aw, das Bw und auch die Firma Siemens mit Heizenergie versorgte.

In den Folgejahren wurde stätig an der Fertigstellung des Bw Vbf weitergearbeitet. Unangenem war das Fehlen der Rauchabführungen in Schuppen 1, da die Anlage zum Baubeginn noch als feuerloses Bw in Planung stand, was aber nicht mehr durchgeführt wurde. 1947 wurden zwei Rauchkanäle mit Gebläse in Halle 1 installiert, was die Situation ein wenig verbesserte. Im Jahr 1954 wurde das Erdgeschoss des Verwaltungsgebäudes zwischen Wasserturm und Lokhalle 1 gebaut. Erst 2 Jahre später stockte man es auf seine heutige Größe auf, wodurch viele der Behelfsunterkünfte im Bw Breich überflüssig wurden. Ende 1957 war der Bau der Lokhalle 2 bereits im vollem Gange. Diese Halle wurde in einer damals modernen Spannbetonkonstruktion errichtet. Für die lange im Bw ersehnte Sammelrauchabführung wurde in der Hallenmitte ein 70 m hoher Schonstein errichtet, der heute - etwas gestutzt - unter Denkmalschutz steht. Die Halle 2 wurde genau zum Termin 01.10.1960, dem Tag der Zusammenlegung der beiden Braunschweiger Bw’s Hbf und Vbf, fertiggestellt.

Am 28.10.1973 entstand dieses Bild der 001 150-2 anläslich der 01-Abschiedsfahrt der EF Hannover (Hannover-Wolfsburg-Braunschweig-Bad Harzburg). Im Bw Braunschweig

Bilck in den Lokschuppen 2 des neuen Bw’s Braunschweig kurz nach seiner Betriebsübergabe im Jahr 1960.
Foto aus dem Buch “Hauptbahnhof Braunschweig 1960”                          

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Das Bw Braunschweig 1 und das Bw Braunschweig 2

Zum Betrieb einer Eisenbahn gehören bekanntermaßen nicht nur Lokomotiven und Wagen. Auch ohne umfangreiche maschinelle Anlagen wie z.B. Drehscheiben, Kräne, Werkzeugmaschienen, Signale usw. könnte eine Eisenbahn nicht betrieben werden. Um all diese Maschinen und Anlagen zu unterhalten, wurden sogenannte “M- Schlosser” eingesetzt. Sie gehörten genau wie die Elektriker zum Bw und wurden im Bw Bezirk zur Instandhaltung dieser Anlagen eingesetzt. Als ein Beispiel für diese sogenannten “M-Gruppen” möchte ich hier den  Braunschweiger Drehscheibenbauzug nennen. Er wurde bereits 1946 erstmals eingesetzt.

Ab dem 01.07.1964 wurde das Heizwerk, zu dem ich im Anschluss komme und der “M-Schwerpunkt” aus der Dienststelle Bw Braunschweig herausgekoppelt und mit der Bezeichnung Bw Braunschweig 2 selbstständig. “Bw Brg” wird von diesem Zeitpunkt an als Bw Braunschweig 1 geführt.

Die Aufgaben der neu gegründeten Dienststelle Bw Braunschweig 2 umfassten im einzelnen:

  1. den Betrieb und die Unterhaltung des Kohleheizkraftwerkes Braunschweig einschließlich des gesamten Fernwärmenetzes.
  2. die Unterhaltung der baulichen Anlagen der technischen und nichttechnichen Dienststellen
  3. den Betrieb und die Unterhaltung des 25 t Dampfkranzuges
  4. die Erledigung aller technischen und nichttechnischen Verwaltungsarbeiten im Aufgabengebiet
  5. den Geschäftsverkehr mit allen durch Fernwärme versorgten Anschließer
  6. die Betriebswasserversorgung des gesamten MA-Bezirkes (MA= Maschienenamt)
  7. die Azetylenprüferaufgaben für über 1000 Schweißgeräte, sowie die Hebezeugeprüfung für ca 880 Hebezeuge aller Klassen.

Das Heizkraftwerk im Bw Braunschweig.

Wie eingangs schon erwähnt, hing der Bau des Heizkraftwerkes ganz eng mit dem Bau des Bws zusammen. Wegen der Luftverschmutzungsbedenken der Stadt Braunschweig sollte es nämlich ein Bahnbetriebswerk für kaltabgestellte Dampflokomotiven werden. Um kalten Kessel der Dampfloks die wieder in Gang zu bekommen, brauchte man ein Heizkraftwerk, das gleich den gesamten Bw Bereich mitversorgen sollte.

1940 war Baubeginn. Mitten im Krieg wurde dann wie vielerorts ein Baustop eingeleitet, der aus späteren wirtschaftlichen Gründen die Arbeiten lange Zeit ruhen lies. Ein “Kalt-Bw” wurde nun nämlich nicht mehr benötigt da sich aufzeigte, dass die reine Dampflokzeit dem Ende entgegen ging. Als man schließlich vor der Entscheidung stand, die Kessel der Anlage zu verschrotten oder das HKW weiterzubauen, kam der Bau des neuen Braunschweiger Hauptbahnhofes zur Hilfe. Endlich boten sich Perspektiven, die Anlage wirtschaftlich zu betreiben. Schließlich begann der Weiterbau des für einen ganz anderen Zweck geplanten Heizkraftwerkes doch noch. Nachdem sich nun auch die an der Ackerstraße gelegene Firma Siemens an das HKW anschließen ließ, sicherte das dann auch noch die Auslastung der zweiten Kesselanlage. 1957 nahm die erste Kesselgruppe ihren Betrieb auf und im Oktober 1959 wurde die Kesselanlage 2 angefeuert. Weitere Dampfabnehmer, wie die Post, das AW Braunschweig, die Stadtverwaltung und verschiedene Schulen kamen hinzu und machten jetzt auch das Inbetriebnehmen der dritten Kesselanlage notwendig. Im Jahr 1966 wurden sogar Dampfturbienen zur Stromerzeugung, die aus dem Ausbesserungswerk Opladen stammten, in Braunschweig für Probezwecke aufgestellt.

Auf dem rechten Bild ist eine der Heizanlagen im HKW Braunschweig zu erkennen. Die Luke an der der Arbeiter steht, gehört zu der automatischen Beschickungsanlage.                                                           Foto: MA Braunschweig

Auf dieser aus dem Jahre 1968 stammenden Darstellung erkennt man alle an das Heitzkraftwerk
Bw Braunschweig angeschloßenen Dampfabnehmer.

Darstellung aus dem Buch “Hauptbahnhof Braunschweig 1960” .

Kesselanlage im Bau Foto; aus dem Buch
“Hauptbahnhof Braunschweig 1960”

Das HKW Braunschweig in Zahlen:

  • 5 feststehende Landdampfkessel mit zusammen 75 t/h bei 25kp/cm²
  • 18 500 m Dampf- und Kondensatorenleitungen
  • 28 Dampfverteilerstationen
  • 53 Ferndampf versorgte Anlagen
  • Jährliche Dampferzeugeung 140 000 t davon ca 1/3 an dritte
  • Jährliche Brtriebskosten ca 2,1 Millionen DM, Stand 1969
  • Jährliche Einnahmen aus Dampfverkauf ca 1 Million DM Stand 1970
  • Personalbestand Juli 1968  105 Mitarbeiter

Dampflok der Baureihe 01 beim Wassernehmen im Bw Bereich. Im Hintergrund ist die Nordseite des Heizkraftwerkes zu erkennen.

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Die Lokfahrschule im Bw Braunschweig.

Nach einem Erlass des Reichsverkehrsministeriums von 1944 sollte bei jeder Reichsbahndirektion Lokfahrschulen eingerichtet werden. Im RBD-Bezirk Hannover entschied man sich für eine Ausbildungsstätte im neu entstandenen Bw Brg Vbf. In dem neuen Wasserturm direkt unter dem 1000 m³ fassenden Wasserbehälter, der übrigens von der Eckertalsperre gespeist wurde, gab es ausreichend Platz. In diesem Gebäude standen 6 Stockwerke mit jewals 225 m² leer. Durch die Kriegsereignisse verzögerte sich allerdings die Einrichtung der Schule. Der erste Leergang der Schule begann am 28.05.1947, konnte aber noch nicht in den Wasserturmräumen durchgeführt werden. Er fand im Eisenbahnerholungsheim Festenburg im Harz statt. Doch bereits mit dem zweiten Bewerberblock im August 1947 zog die Schule in die neuen Räume imWasserturm um.

Genau gegenüber dem Wasserturm stand auf der anderen Seite der Ackerstraße eine hölzerne Baracke. Die beherbergte eine Kneipe mit dem bezeichneten Namen “Zur Laterne”. Manche Eisenbahner trafen sich dort nach Dienstschluß. Am Ausschank stand die Wirtin Mimmi Kehl und man erzählte sich, bisweilen habe sie hier und dort einen Korn in das Bier der von der Schicht kommenden Lokmänner gekippt, um sie so etwas länger an der Theke zu halten und am Nachhausegehen zu hindern.

Als selbstständige Dienststelle wurde die Schule dem Maschinenamt Braunschweig unterstellt. In den Folgejahren wurde in Braunschweig die modernste Lokfahrschule der Deutschen Bundesbahn geschaffen. Für das leibliche Wohl sorgte damals wie heute die im Erdgeschoß des Verwaltungstraktes liegende Betriebsküche des Bw’s (heute DB Casino). Die Küche ist geschmacklich und preislich auf jeden Fall zu empfehlen. Im April 1953 wurde die Schule in Bundesbahn-Schule Braunschweig umbenannt. Im Jahr 1958 wurde sie der BD-Hannover unterstellt und gehörte nicht mehr zu Braunschweig. Anfang der 90’er Jahre wurde die Ausbildungseinrichtung geschlossen. Die Räume der ehemaligen Lokführerschule sind heute an die Zivildienstschule Braunschweig vermietet.

Eisenbahnererholungsheim Festenburg im Oberharz ca.1940. Das Gebäude existiert heute nicht mehr es ist Ende der 1950er Jahre abgebrannt.

Nicht nur Lokführer wurden hier ausgebildet, auch zahlreiche andere Lehrgänge fanden in den Räumlichkeiten an der Ackerstraße statt. Einige davon möchte ich kurz erwähnen: Kesselprüferlehrgänge, Wagenmeisterlehrgänge, Zugführerlehrgänge, Kleinlokführerlehrgänge, Indusilehrgänge, Rangiererausbildung, usw.

Der Bremsstand in den Unterrichtsräumen der Lokführerschule im Wasserturm.                                                                                                           Foto MA Braunschweig

Der Indusistand in den Unterrichtsräumen der Lokführerschule im Wasserturm.                                                                                                            Foto MA Braunschweig

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Das Bw Braunschweig Nord !

Es gab auch noch ein drittes Bw in Braunschweig, das ich hier erwähnen möchte. Das Bw Braunschweig Nord gehörte bis 1938 zu der privaten braunschweigischen Landeseisenbahn und wurde nach zähen Verhandlungen am 31.03.1938 der Reichsbahn und somit dem Maschinenamt Braunschweig unterstellt. Das Bw lag am Braunschweiger Nordbahnhof. Durch einige Gleisänderungen, von denen auch noch eine zweite private Bahn indirekt betroffen war, tangiert war auch die Braunschweig Schöninger Eisenbahn, wurde eine Verbindung zum alten Braunschweiger Hauptbahnhof geschaffen. Am 15.10.1944 wurde das Bw Braunschweig Nord durch massive Luftangriffe der Alliierten völlig zerstört und danach nicht wieder aufgebaut.

Das Bw Braunschweig während der Dampflokzeit !

Das Bw Braunschweig im Sommer 2003 !

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